Fr. Mrz 1st, 2024

Pretzsch (wg). „Voll der Osten. Leben in der DDR“ ist der Titel einer Ausstellung, die noch bis zum 31. August 2022 in der St. Nikolaus-Kirche in Pretzsch zu einer Bilderreise in die Zeit der deutsch-deutschen Teilung einlädt. Konzipiert wurde die Exposition von der Ostkreuz Agentur der Fotografen/Harald Hauswald und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Gezeigt wird eine ungeschminkte DDR-Realität, an die sich heute selbst Zeitzeugen kaum mehr erinnern. Die Ausstellung präsentiert auf 20 Tafeln mehr als 100 bekannte und unbekannte Schwarz-Weiß-Aufnahmen des renommierten Fotografen Harald Hauswald. Die Texte der Ausstellung hat der Historiker und Buchautor Stefan Wolle verfasst, der wie der Fotograf in der DDR aufgewachsen ist. Auch nach mehr als 30 Jahren nach dem Fall der Mauer entfalten die Fotos ihre Wirkung.

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Hauswald wurde 1954 in Radebeul geboren und zog nach seiner Ausbildung zum Fotografen Ende der 1970er Jahre nach Ost-Berlin und fotografierte dort in den 1980er Jahren, was ihm vor die Linse kam. Er knipste, was andere übersahen oder für uninteressant hielten: Kleine Szenen des Alltags, einsame und alte Menschen, abgekämpfte Schichtarbeiter in der U-Bahn, Trinker, verliebte junge Pärchen, Rocker, Hooligans, junge Leute, die sich in der Kirche für Frieden und Umweltschutz einsetzten, verfallene Fassaden und Schlangen vor Lebensmittelläden. Dabei sind ihm Aufnahmen von großer und fast intimer Nähe gelungen, Fotos, die als Kritik am Staat interpretiert werden konnten. Eine weitere Besonderheit: Hausmann fotografierte ohne Teleobjektive und verzichtete auch auf die technische Nachbearbeitung.

„Im Mittelpunkt steht der Mensch“ lautete einer der Grundsätze des Sozialistischen Realismus, als unabhängiger Chronist der DDR verwirklichte Hauswald diesen Anspruch auf seine Weise: „Ich wollte den Osten ohne Schminke zeigen, so wie ich ihn gesehen habe“, sagt Hauswald in einem der Video-Interviews, zu denen sich die Besucher über Smartphones mit Hilfe der QR-Codes auf den Ausstellungstafeln verlinken lassen können. In jedem der Interviews berichtet der Fotograf, wie und in welchem Kontext das jeweils zentrale Foto der Tafel entstanden ist.

Für die Darstellung der ungeschminkten Realität bekam Hausmann keinen staatlichen Kunstpreis, aber viel Ärger mit der SED und der Stasi, die ihn überwachte. Aufgrund seiner Bekanntheit im Westen konnte er aber weiter arbeiten: Hauswald war der erste DDR-Fotograf, der in den 1980er Jahren für westdeutsche Zeitschriften wie „Stern“ und Geo“ arbeitete. Hauswalds Fotos wurden in Ausstellungen auf der ganzen Welt gezeigt, sein Werk umfasst zehntausende Aufnahmen. 1997 erhielt er das Bundesverdienstkreuz und 2006 zeichnete ihn die Bundeszentrale für politische Bildung mit dem „Einheitspreis – Bürgerpreis zur deutschen Einheit“ aus. 2009 erschien der Film „Radfahrer“ über Hauswalds gleichnamige Stasiakte. Er ist Gründungsmitglied der „Ostkreuz Agentur der Fotografen“ und lebt und arbeitet in Berlin.

Stefan Wolle wurde 1950 in Halle geboren und studierte an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin Geschichte. 1971 wurde er aus politischen Gründen relegiert und musste sich „in der Produktion bewähren“, danach konnte er sein Studium fortsetzen und 1984 promovieren. Ab Anfang 1990 war er Mitarbeiter des Komitees für die Auflösung der Stasi und von 1991 bis 1996 Assistent an der Humboldt-Universität. Seit 2005 ist er Wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin. Wolle schrieb zahlreiche Bücher und Artikel über die DDR, zu seinen wichtigsten Publikationen gehört das dreibändige Werk „Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR“.

Hinweis

Die Ausstellung kann zu den Öffnungszeiten der St. Nikolaus-Kirche täglich von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr, zu den Gottesdiensten und Veranstaltungen sowie nach Vereinbarung unter Tel.: 034926/57 381 besichtigt werden und ist gut für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit geeignet.

Bild: Abgekämpfte Schichtarbeiter in der U-Bahn. Foto: © Harald Hauswald/Ostkreuz

Von Redaktion

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