Sonntag, 23.06.2024

Wittenberg (wg). Wieder einmal werden die Räume der Cranach-Galerie, Markt 4, durch eine äußerst gelungene Ausstellung geadelt: Seit dem 20. Mai 2022 bietet die Wittenberger Cranach-Stiftung dort mit einer Kabinettausstellung unter dem Titel „Natura Morta“ einen Einblick in die Bilderwelt des Malers Hans P. Szyszka. Sein Thema ist das Stillleben, gebaute Kompositionen aus symbolischen und scheinbar zufälligen Gegenständen, aus lebendigen und leblosen Naturobjekten.

Aus der Cranach-Werkstatt sind keine autonomen Stillleben überliefert, allerdings gibt es eine Reihe von Studien, die nach diesen Kriterien gestaltet und in die Hintergründe größerer Gemälde eingebaut wurden. Erlegte Rebhühner finden sich im Gemälde „Herkules bei Omphale“ (1537) als Hinweis auf den liebestollen antiken Helden. Mit Hilfe von Stillleben wurden immer auch moralische, religiöse oder politisch-emanzipatorische Fragen verhandelt.

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Auch Hans P. Szyszkas Gemälde sind reich an kulturhistorischen und persönlichen Verweisen. Szyszka, 1959 in Leipzig geboren, studierte ab 1979 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Prof. Arno Rink und Prof. Volker Stelzmann. Seit 1984 lebt er freischaffend in Erfurt als Maler und Grafiker, 1994 kam die Fotografie als künstlerische Form der Äußerung hinzu. Szyszka steht in der Tradition der Leipziger Schule und verwendet altmeisterliche Maltechniken, geschult an den Malern der Renaissance, um irritierende, hyperrealistische Gemälde zu erschaffen.

In „Vanitas 1“ (2015), einem Stillleben mit spürbaren Referenzen an die historische niederländische Malerei, liegt ein Totenkopf auf einem Stapel Bücher, eine brennende Kerze ist im Spiegelbild bereits verloschen. „QVUD SVM ERIS“ steht auf dem Zettel darunter: „Du wirst sein, was ich bin“. In „Egon, ein Malerleben“ erzählen Gegenstände aus dem Atelier eines Erfurter Künstlerkollegen von Kunstreisen, von gemalten und ungemalten Bildern.

Oft fügt der Maler seinen Objekten Insekten wie Käfer, Fliegen und Schmetterlinge hinzu. Was den Betrachter besonders fasziniert, ist seine fotografisch übergenaue Darstellung. Doch diese penible Genauigkeit ist noch lange nicht mit Wirklichkeit gleichzusetzen: Szyszka spielt bewusst mit der Ambivalenz zwischen der Illusion der Realität und der Realität der Illusion.

Szyszkas Bilder transportieren die Stofflichkeit der Dinge. Die Wahrnehmung der Oberflächen gelingt durch bildhafte Vergrößerungen. Eine spezielle Lichtführung unterstützt dabei die Materialspezifik oder die inhaltliche Bildfindung. Das Malen ist für Szyszka ein sinnlich-meditativer Prozess, die kontinuierliche Langsamkeit der Malweise steht gegen die Hektik der heutigen Zeit. Obwohl der Künstler für seine Bilder meist Monate benötigt, sind die meisten noch vor der Fertigstellung verkauft.

Hinweis:
Die Ausstellung ist bis zum 28. August 2022 in der Cranach-Stiftung, Markt 4, zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 10 bis 17 Uhr, Sonntag von 13 bis 17 Uhr.

Kunstexpedition mit Dr. Rehahn
Der Theologie und Kunsthistoriker Walter Martin Rehahn setzt am 14. Juni um 19 Uhr im Malsaal der Cranach-Stiftung seine Reihe Kunstexpeditionen fort mit einem Vortrag zum Thema „Die Welt auf dem Tisch. Stillleben im Wandel der Zeiten“. Schon in der antiken Kunst gab es Darstellungen toter bzw. regloser Dinge, wie Blumen, Früchte, Gefäße und Waffen. Doch zu einer eigenen Bildgattung wird das Stillleben erst in der Neuzeit. Es erlebt seine wohl größte Blüte in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. In der Moderne wird das Sujet durch Maler wie Paul Cezanne, Pierre Bonnard, Georges Braque und Giorgio Morandi neu interpretiert und bereichert. Der Vortrag versucht einen Überblick über die Vielfalt unterschiedlichster Stillleben zu geben und ihrer Bedeutung nachzuspüren.

Bild: Veranstalter/Hans P. Szyszka – Hans P. Szyszka steht in der Tradition der Leipziger Schule.

Von Redaktion