Montag, 20.05.2024

Wittenberg (wg). „Verantwortung tragen ist eine ehrenvolle Aufgabe“, erklärte Torsten Zugehör am Mittwoch zur Festsitzung des Stadtrates im Stadthaus. Diese Ehre wurde ihm sieben Jahre als Bürgermeister und sieben Jahre als Oberbürgermeister zuteil und – nach der sehr deutlich gewonnenen Wiederwahl – wird er weitere sieben Jahre Verantwortung für „diese schöne Stadt“ übernehmen müssen.

„2017 bescherte uns das Reformationsjubiläum große Euphorie, es folgten Ernüchterung und vergessene Versprechen“, blickte Zugehör zurück. „2020 und 2021 hatten wir die Corona-Pandemie, die uns mit bis dato unvorstellbaren und teilweise absurden Konsequenzen konfrontierte: Spiel- und Sportplätze sowie das Hallenbad mussten geschlossen werden, Mitarbeiter des Ordnungsamtes mussten kontrollieren, ob sich Gastronomie und Geschäfte an die angeordneten Lockdowns hielten.“ Man habe die Corona-Krise dank der guten Zusammenarbeit mit dem Landkreis und den Bürgermeistern der anderen Städte gut gemeistert. Zu keinem Zeitpunkt sei das Rathaus der Lutherstadt während der Lockdowns komplett geschlossen gewesen, dafür gebühre den engagierten Mitarbeitern großer Dank.

Werbung

„Wir leben heute in Zeiten großer Unsicherheiten“, sagte Zugehör. Die Generation der Eltern und Großeltern habe zwei Weltkriege, die deutsch-deutsche Teilung und den kalten Krieg erlebt – und diese Herausforderungen gemeistert. „Sind die Herausforderungen wie Klimakatastrophe, Ukraine-Krieg, Pandemie, Inflation usw., mit denen wir aktuell konfrontiert werden, zu viel für uns, dass wir sie nicht verkraften können? Sind wir verwöhnte Weicheier?“, fragte der OB. Corona sei noch nicht vorbei und der Krieg werde weiterhin Solidarität mit dem ukrainischen Volk erfordern. Die drohende Gaskrise träfe hiesige Unternehmen, die Bau- und Wohnungswirtschaft, Kliniken und Seniorenheime sowie die Stadtwerke als kommunales Versorgungsunternehmen.

Auf die aktuellen und künftigen Herausforderungen müsse mit Mut, Veränderungsbereitschaft und Kreativität reagiert werden, dies erwarte der Bürger zu Recht. Dies erfordere „auf der Suche nach der Stadt Bestes“ auch Fehlerfreundlichkeit: Nur wer gar nichts macht, macht auch keine Fehler, aber er löst auch keine Probleme – in der aktuellen Situation der größte Fehler. Wer bereit ist, Fehler zur riskieren, gewinnt Handlungsspielräume. Wer Probleme lösen, Herausforderungen meistern will, braucht (Gesprächs-)Partner. „Diese findet man aber nur, wenn man sie vorher nicht diffamiert und erniedrigt“, betonte der OB. „Demokratie lebt von der Vielfalt der Professionen und Geschlechter, jeder und jede ist mit seinen Fähigkeiten gefragt.“ Larmoyantes Mitsingen und Mitschwimmen im Mainstream leisteten hingegen keinen Beitrag zur Problembewältigung.

Wittenberg, die kleinste Großstadt der Welt, sei wirklich „schön wie nie“ geworden. „Wir können unsere Stadt nur im solidarischen Handeln noch schöner machen“, so Zugehör. Dabei lebe die Stadt vor allem von den vielen Ehrenamtlichen, deshalb werde man diese auch in finanziell schwierigen Zeiten weiter unterstützen. Der OB dankte allen, die ihn bisher wohlwollend begleiteten. Besonderen Dank gab es für Jochen Kirchner, der nach sieben Jahren den Staffelstab an André Seidig weiterreicht. Kirchner habe für eine erfolgreiche, weil „wohltemperierte Stadtentwicklung“ gesorgt, die Raum für künftige Entwicklungen lasse. André Seidig, bislang Justitiar der Stadt, werde in sein Amt hineinwachsen und eigene Akzente setzen. Probleme seien für ihn kein Hindernis, sondern eine lösbare Herausforderung.

„Die Wittenberger haben alles richtig gemacht“

„Transformation einer ostdeutschen Stadt“, betitelte Thomas Poege, ehemaliger Geschäftsführer der Sachsen-Anhaltischen Landesentwicklungsgesellschaft (Saleg) und Geschäftsführer der vor kurzem neu gegründeten Immobilien- und Projektmanagementgesellschaft des Landes Sachsen-Anhalt (IPS), seine Festrede, in der er die herausragende Entwicklung Wittenbergs würdigte, diese seien vor allem ein Verdienst Kirchners, der in unterschiedlichen Funktionen 38 Jahre lang dafür gesorgt habe, dass sich die Stadt stetig, aber immer ausbalanciert reformiert, transformiert und weiter entwickelt habe.

Ein Meilenstein sei die sogenannte große Rochade gewesen: Das Evangelische Predigerseminar habe seinen Stammplatz im Augusteum verlassen, den Platz freigemacht für die Stiftung Luthergedenkstätten und sei in den Schlosskomplex zu ihrer Ausbildungskirche gezogen. Mit dem Seminar, der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek und der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg habe sich der Schlosskomplex zu einem Standort der Bildung und Forschung profiliert, daran hätte Kurfürst Friedrich der Weise große Freude gehabt, denn er habe sich für Wittenberg als Residenzstadt entschieden, das Schloss als prachtvolles Renaissance-Ensemble neu errichten lassen und wenig später eine Universität gegründet, die sehr schnell in Europa einen guten Ruf erlangt habe.

„Solche großen Rochaden sind wohl nur alle 500 Jahre möglich, das Reformationsjubiläum war der Impulsgeber für diese tiefgreifende Entwicklung und Umgestaltung zum Wohle der Stadt und des Landes“, erklärte Poege. Wittenberg sei mit großer Geschichte gesegnet, um derartige Potenziale gewinnbringend zu erschließen, bedürfe es richtiger Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Platz, die wegweisende Entscheidungen treffen. Die Stadt habe klug ihre reichhaltige Historie als Motor für die Stadtentwicklung und für sinnstiftende Nutzungen eingesetzt. Historische Häuser wie das Melanchthonhaus seien mit moderner Architektur ergänzt worden, als Lohn habe es dafür zahlreiche Auszeichnungen wie den Deutschen Architekturpreis gegeben.

„Erfolgreiche Stadtentwicklung funktioniert nur als Gemeinschaftswerk“, betonte Poege, deshalb habe Kirchner immer auf begleitende Lenkungsrunden, Stadtforen und Bürgerdialoge großen Wert gelegt. Kirchner, der an der Bauhaus-Universität in Weimar studierte, habe nie von Wittenberg losgelassen. Mut, Inspiration und Gestaltungswillen hätten seine Arbeit geprägt, wobei er beharrlich, fachlich überzeugend und immer die Ruhe bewahrend die Regie geführt habe, selbst dann, „als ein biblischer Regen das Schloss 2016 während der Bauphase komplett unter Wasser gesetzt hatte“.

Das Ziel, eine geschichtsträchtige Stadt zukunftsfähig und lebenswert zu gestalten, bewege sich im Spagat von Respekt gegenüber dem Alten und der Offenheit für die Zukunft. Dabei habe sich die Lutherstadt rechtzeitig der Kompetenz und Expertise der Saleg versichert: „Es öffneten sich die Bäche und brachten die Stadt zum Fließen.“ Mit der Gründung der Stiftung Leucorea habe man die universitäre Tradition der Stadt fortgeführt und mit dem IBA 2010-Projekt Arsenalplatz und den damit verbundenen archäologischen Funden wie die Gebeine des askanischen Kurfürsten Rudolf II (1307-1370) selbstbewusst parallel zu Luther einen Bogen zur vorreformatorischen Stadt- und Landesgeschichte geschlagen.

Die Wittenberger und mithin ihr oberster Stadtentwickler Jochen Kirchner hätten alles richtig gemacht. Nicht nur die historische Altstadt, sondern die Gesamtstadt habe sich umfassend erneuert, im besten Wortsinn reformiert – vom wieder lebenswert gestalteten Plattenbaugebiet Trajuhnscher Bach über die Gartenstadtsiedlung Piesteritz bis hin zur Siedlung Wittenberg West.

Verabschiedung von Jochen Kirchner

Ein neuer formschöner, insektenfreundlicher und hitzeresistenter Baum vor dem Neuen Rathaus, darunter eine Bank sowie eine Urkunde versüßen Jochen Kirchner den Abschied aus dem Bürgermeisteramt. Als Stadtentwickler bleibt er der Lutherstadt erhalten und wird sich in Zukunft mit der Vorbereitung der Landesgartenschau in 2027 befassen. „Informieren, kommunizieren, motivieren“, so funktioniert aus Kirchners Sicht Stadtentwicklung. Der Lutherstadt wünschte er für die Zukunft, dass sie weltoffen, international und jung sei. Mit seinem Nachfolger André Seidig gebe er die Verantwortung in gute Hände, betonte Kirchner, der mit stehenden Ovationen aus seinem Amt verabschiedet wurde. Anschließend wurde André Seidig als neuer Bürgermeister vereidigt.

Bild: Obere Reihe: Oberbürgermeister Torsten Zugehör (l.) und IPS-Geschäftsführer Thomas Poege, untere Reihe: André Seidig (l.), neuer Bürgermeister der Stadt Wittenberg und sein Amtsvorgänger Jochen Kirchner.
Foto: Wolfgang Gorsboth

Von Redaktion