Wittenberg (md/wg). Die Stadtbibliothek lädt am 4. Juni, 19 Uhr, zu einer Lesung aus dem Buch „Extremwetterlagen. Reportagen aus einem neuen Deutschland“ ins Auditorium ein. Zu Gast sind Tina Pruschmann und Barbara Thériault (siehe Foto), im Anschluss an die Lesung besteht die Möglichkeit zur Diskussion. Der Eintritt ist frei, Besucher ohne gültigen Bibliotheksausweis zahlen 2,50 Euro.
„Wann haben wir gemerkt, dass wir in einem neuen Land leben? Und woran? Und wie lernen wir, gegen den Wind zu atmen, der sich unheilvoll zusammenbraut und mit scharfen Böen in die Lungen drückt?“ 2024 startete ein ungewöhnliches literarisch-soziologisches Projekt. Mit Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault wurden drei namhafte Autorinnen als „Überlandschreiberinnen“ ausgeschickt, um die Stimmung in Ostdeutschland zu ergründen, verborgene gesellschaftliche Brüche und Kipppunkte sichtbar zu machen.
Während Manja Präkels gezielt zivilgesellschaftliche Initiativen und Brennpunkte in Brandenburg besuchte, bereiste Tina Pruschmann mit dem Fahrrad entlegene Regionen im sächsischen Erzgebirge und hat sich beispielsweise in Groitzsch zu biertrinkenden Männern auf dem sonst menschenleeren Marktplatz gesellt oder das verwaiste Pödelwitz besucht – Orte, in denen mindestens zwei Zeitschichten aufeinandertreffen und selbst die kleinste Utopie an spätkapitalistischer Logik zu zerschellen scheint. Barbara Thériault wiederum arbeitete zeitweise als Reporterin bei einer Lokalzeitung in Thüringen, auch sie landete in Städtchen, die ihren Zenit überschritten haben und der Soziologe Alexander Leistner folgte mentalen Entwicklungslinien, deren Anfänge teils noch vor 1989 zu verorten sind.
So entstanden literarische Reportagen über die Normalisierung rechtsextremer Strukturen und Narrative, bedrohte Kulturvereine und Gedenkstätten, bizarre Infrastrukturprojekte in Ruinenlandschaften. Über Menschen, die wegsehen und schweigen, und solche, die tagtäglich ihr Bestes geben, um im tobenden Sturm der Umwertung aller Werte weiter gegen den Wind zu atmen. Was sich hier zusammengebraut hat, verdient die Bezeichnung „Extremwetterlage“: Wo immer die drei Autorinnen ihre Fühler ausstrecken, scheint etwas zu brodeln, eine Spannung in der Luft zu liegen, Unheilvolles zu drohen. Rechtsextreme Strukturen haben sich an vielen Orten verfestigt; sie sind die Norm, gegen die meist Einzelne und kleine Initiativen aufzubegehren versuchen. Foto: ©wiko-maurice

