Wittenberg (wg). Welche Rolle spielt Religion in einer von Wissenschaft geprägten Welt? Und wie können religiöse und wissenschaftliche Perspektiven heute sinnvoll miteinander ins Gespräch kommen? Diesen hochaktuellen Fragen widmet sich eine von der Cohen-Gesellschaft Coswig (Anhalt) und der Stiftung Leucorea organisierten Konferenz am 22. und 23. Juni 2026 im Tagungszentrum der Stiftung in der Lutherstadt Wittenberg. Unter dem Titel „Die Verächter der Wissenschaft sind die schlimmsten Feinde der Religion“ – ein Zitat des Philosophen Hermann Cohen – rückt die Veranstaltung einen der bedeutendsten Denker der Religionsphilosophie in den Fokus und zeigt zugleich, wie überraschend modern seine Gedanken heute noch sind. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei, Interessenten richten ihre Anmeldung bitte an: sekretariat@leucorea.uni-halle.de.
Im Zentrum stehen die Fragen nach dem Zusammenspiel von Religion, Ethik und Wissenschaft sowie nach der Bedeutung Cohens für den interreligiösen Dialog in einer pluralen Gesellschaft. Seine Überzeugung, dass Glaube und Vernunft kein Widerspruch sein müssen, sondern sich gegenseitig bereichern können, bildet den roten Faden der Tagung. Hermann Cohen (1842–1918), ein jüdisch-deutscher Philosoph mit Wurzeln in Coswig (Anhalt), gilt als Mitbegründer der Marburger Schule des Neukantianismus. Sein Werk hat die moderne Philosophie nachhaltig geprägt – und seine Auseinandersetzung mit Religion wirkt bis heute nach. Besonders sein Einsatz gegen Antisemitismus und für ein respektvolles Miteinander unterschiedlicher religiöser Traditionen verleiht seinem Denken eine neue Aktualität in gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten.
Die zweitägige Konferenz bietet nicht nur wissenschaftliche Vorträge renommierter Referentinnen und Referenten aus dem In- und Ausland, sondern auch Raum für lebendige Diskussionen. Ein besonderes Highlight ist ein Podiumsgespräch am 22. Juni, bei dem Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft miteinander ins Gespräch kommen. Als prominenter Teilnehmer wird unter anderem der frühere Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Dr. Reiner Haseloff, erwartet.
Hermann Cohen war ein jüdisch-deutscher Philosoph von internationaler Bedeutung. Er hinterließ ein umfangreiches Werk, das nach wie vor von großem Interesse ist. Als Ordinarius für Philosophie an der Universität Marburg (1876-1912) war Cohen maßgeblicher Mitbegründer der seinerzeit einflussreichen Marburger Schule des Neukantianismus. Zu seinen Schülern zählten Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Boris Pasternak und der Politiker Ernst Reuter. Nach seiner Emeritierung widmete sich Hermann Cohen verstärkt der Interpretation der Philosophie Kants im Verhältnis zur Hebräischen Bibel. Hieraus entstand ein bedeutender Beitrag zur modernen Religionsphilosophie. In diesem Kontext erschien posthum 1919 Cohens – auch heute vielzitiertes – Hauptwerk „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“.
In Deutschland waren Cohen und sein Werk – nicht zuletzt ideologiebedingt – lange Zeit in Vergessenheit geraten. Auch deshalb wurde im Jahre 2000 die Cohen-Gesellschaft Coswig (Anhalt) e.V. ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, die Öffentlichkeit mit der Aktualität seines Denkens für Verständigung und gegen Antisemitismus sowie mit seiner Persönlichkeit und Philosophie bekanntzumachen. Aus Anlass des 25jährigen Bestehens der Cohen-Gesellschaft Coswig wurde im Juni 2025 die viel beachtete Dialogkonferenz „Hermann Cohen – ein großer Sohn der Stadt Coswig (Anhalt)“ in Kooperation mit der wissenschaftlichen Hermann Cohen-Gesellschaft, die ihren Sitz in Frankfurt am Main hat, am Geburtsort des Philosophen durchgeführt.
Hermann Cohen, einziges Kind des Coswiger jüdischen Kantors und Lehrers Gerson Cohen und seiner Ehefrau Friederike, war als erster Jude im Wilhelminischen Kaiserreich Professor für Philosophie. Er begründete die Marburger Schule des Neukantianismus, eine der produktivsten philosophischen Arbeitsgemeinschaften der jüngeren Geschichte. Zugleich war er einer der prägenden Denker des deutschen Judentums jener Epoche. Neben Moses Mendelssohn gehört Cohen zu den herausragenden jüdischen Denkern aus Anhalt, geprägt nicht nur von seiner kleinen Vaterstadt Coswig, sondern auch durch die Schulzeit in Dessau, damals ein Zentrum der liberalen jüdischen Reformbewegung.
In Israel ist ein Teil der literarischen Sammlung des deutsch-jüdischen Philosophen Hermann Cohen wieder öffentlich zugänglich. Cohens Bibliothek ging nach seinem Tod an die jüdische Gemeinde in Frankfurt am Main, 1938 wurde sie von den Nationalsozialisten geplündert. Nach Jahrzehnten der Suche und Recherche sind nun 3.000 von ursprünglich 5.000 Werken aus Cohens Sammlung in der israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem zugänglich. Dort waren sie – auch mit Unterstützung von Spenden aus Deutschland – restauriert und katalogisiert worden.
Die Veranstaltung wird unterstützt durch die Staatskanzlei und das Ministerium für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt sowie den Landesverband Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt. Den Flyer zur Konferenz finden Interessierte auf der Website der Stiftung Leucorea (leucorea.de) unter: „Die Bedeutung der Religionsphilosophie von Hermann Cohen (1842-1918) im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs“.

