Wörlitz (md/wg). In den Sammlungen der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz befinden sich bis heute beeindruckende Kunstwerke aus dem Südpazifik. Sie stammen von der zweiten Weltumsegelung des britischen Seefahrers James Cook, die von 1772 bis 1775 bis nach Ozeanien führte. Über den Naturforscher Georg Forster, der gemeinsam mit seinem Vater an dieser Expedition teilgenommen hatte, gelangten sie als Geschenke an das Fürstenpaar Franz und Louise nach Anhalt-Dessau.
Unter den Kunstwerken sind auch 18 Objekte aus dem polynesischen Königreich Tonga, so eine Tasche mit Muschelperlen (kato mosi kaka), eine gestreifte Tasche (kato kafa), ein dreieckiger und ein viereckiger Schmuckkamm (helu), ein dunkler Rindenbaststoff (ngatu ‘uli) sowie ein heller Rindenbaststoff (ngatu tahina). Seit 2018 sind die Objekte in der Dauerausstellung „Rückkehr ins Licht – Georg Forster und die Wörlitzer Südseesammlung“ im Wörlitzer Schloss zu sehen. Die genannten Gegenstände bestehen aus geflochtenen Naturmaterialien und sind von außergewöhnlicher Qualität. Nähere Hintergründe zur kulturellen Bedeutung der Objekte und den konkreten Herstellungsverfahren waren bisher kaum bekannt. Dank einer Förderung der Kulturstiftung des Bundes hat sich das nun geändert.
Im Rahmen eines Kulturaustausches reisten Silke Wallstein und Dr. Christoph Willmitzer, zwei Mitarbeiter der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, gemeinsam mit der Textilkünstlerin Johanna Rogalla aus Halle nach Tonga. Sie trafen sich dort mit Kunstschaffenden sowie Pädagoginnen und Pädagogen, nahmen an Workshops teil und besuchten Ausstellungen: Bei Lesieli Tupou, einer kulturellen Pionierin und Pädagogin, lernten sie die alte tongaische Kunst des Mosikaka-Webens kennen.
In dieser Webtechnik etwa wurde auch die gestreifte Wörlitzer Tasche hergestellt. Jessica Fry-Afeaki führte sie in den aufwendigen Herstellungsprozess von Rindenbaststoffen (tapa) ein, einer weiteren, tief in der tongaischen Kultur verwurzelten handwerklich-künstlerischen Technik. Die Kulturhistorikerin Tanya Edwards wiederum erklärte ihnen zahlreiche Hintergründe zur tongaischen Geschichte, zur aktuellen Kultur und zur Lebensweise.
Dieser Kulturaustausch diente der Auslotung einer möglichen längerfristigen Kooperation. Die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz strebt an, die Wörlitzer Südseeausstellung in den kommenden Jahren um zeitgemäße Perspektiven aus deutscher sowie aus tongaischer Sicht zu erweitern. Geplant sind künstlerische und pädagogische Projekte mit und für verschiedene Zielgruppen aus Deutschland und Tonga.
Erarbeitungsprozess und Resultat bieten dabei gleichermaßen Anlässe für Begegnung, kulturellen Austausch und für die Auseinandersetzung mit Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Nord und Süd damals wie heute. Die Ergebnisse sollen zum Beispiel im „Otaheitischen Pavillon“ auf dem Wörlitzer Eisenhart öffentlich präsentiert werden – dem ehemaligen Aufstellungsort der fürstlichen „Südsee-Sammlung“. Das Projekt ist Teil des WAYS-Programms der Kulturstiftung des Bundes, das langfristige künstlerische Partnerschaften mit außereuropäischen Partnern mit dem Fokus auf Fairness und Nachhaltigkeit unterstützt. Foto: ©KsDW/Silke Wallstein


