Wittenberg (md/wg). Mit seinem vom Wortwerk Wittenberg organisierten Vortrag „Verstehen Sie Bahnhof?“ nimmt Reichsbahn-Amtmann a.D. Jörg Bönisch am 12. Oktober um 18 Uhr im Lektorium der Stiftung Leucorea das Publikum mit auf eine ebenso lehrreiche wie amüsante Reise durch zwei Jahrhunderte Eisenbahngeschichte und Sprachentwicklung. Der diplomierte Maschinenbauingenieur, seit über 40 Jahren im Eisenbahnwesen tätig, zeigt, wie eng technische Innovationen und sprachliche Eigenheiten miteinander verwoben sind.
Ausgangspunkt ist die Geburtsstunde der Eisenbahn: 1835 rollte die erste deutsche Bahn zwischen Nürnberg und Fürth, und mit ihr kamen zahlreiche englische Fachbegriffe ins Land – buffer, carriage, points. In der Verkehrssprache dominierte damals das Französische, wie Begriffe wie Billet, Coupé oder Perron belegen. Erst in den 1880er Jahren begann eine systematische Eindeutschung, an der Bahnbedienstete und der Allgemeine Deutsche Sprachverein maßgeblich beteiligt waren.
Doch trotz aller Bemühungen blieb die Eisenbahn ein Ort hochspezialisierter Fachsprache. Abkürzungen wie PZB, LZB, ETCS, Betra, BÜSA oder Tfz sind für Laien kaum zu entschlüsseln – ein Grund, warum Außenstehende oft „nur Bahnhof verstehen“. Ein Satz aus dem Vortrag bringt es auf den Punkt: „Betriebliche und technische Fachbegriffe werden – nicht nur bei der Eisenbahn – abgekürzt. Außenstehende verstehen nur Bahnhof.“
Gleichzeitig hat keine andere technische Fachsprache die deutsche Alltagssprache so stark geprägt. Redewendungen wie „Der Zug ist abgefahren“, „Mit Volldampf voraus“ oder „Die Weichen sind gestellt“ stammen direkt aus dem Bahnbetrieb und sind längst zu geflügelten Worten geworden: „Die Eisenbahn hat in vielen alltäglichen Redewendungen ihren Platz gefunden.“ Bönisch verbindet historische Fakten, sprachliche Kuriositäten und humorvolle Anekdoten zu einem lebendigen Gesamtbild. Sein Vortrag zeigt: Die Eisenbahn ist weit mehr als Technik – sie ist ein kulturelles Phänomen, das unsere Sprache, unseren Alltag und unser Denken bis heute prägt.

