Wittenberg (md). Zum nächsten Abend der Reihe „Vorträge aus der Forschung 2023/24“, die in diesem Studienjahr der Vielfalt des Protestantischen gewidmet ist, lädt die Stiftung Leucorea am Dienstag, dem 11. Juni 2024, um 19.30 Uhr ins Auditorium maximum ein. Dr. Volkmar Joestel referiert zum Thema „Andreas Bodenstein von Karlstadt und der Beginn der Wittenberger Reformation“. Der Eintritt ist frei.
Während sich Luther nach dem Wormser Reichstag auf der Wartburg befand, begannen seine Wittenberger Mitstreiter, allen voran Karlstadt und Luthers Klostergenosse Gabriel Zwilling mit Reformen, die aber immer radikaler und chaotischer wurden: Messpriester wurden verhöhnt und körperlich angegriffen, Mönche verließen das Kloster, eine Gottesdienstordnung zwang die Menschen zum neuen Glauben, und schließlich wurden die Kirchen gestürmt und die Altarbilder zerhackt und verbrannt.
Als Luther von der Wartburg kann, disziplinierte er die Anführer. So wurde das Chaos beendet und die Ordnung wiederhergestellt. Stimmt diese lutherische Sicht? Die Wissenschaft hat längst einen differenzierteren Blick auf die Ereignisse. Es handelte sich um „die erste Stadtreformation“, in der es um nichts anderes ging, als das Programm, das Luther 1520 in seiner Adelsschrift entworfen hatte, umzusetzen.
Gemeinsam mit einem Universitätsausschuss setzten Rat und Gemeinde Reformen um, die in der neuen Stadtordnung am 24. Januar 1524 festgeschrieben wurden: Priester heirateten, beim Abendmahl wurde der Wein auch an die Gemeinde ausgeteilt, Klöster lösten sich auf. Es wurde ein „gemeiner Kasten“ eingerichtet, in dem die Kircheneinkünfte gesammelt und damit soziale Maßnahmen finanziert werden sollten.
Auch die abgöttischen Heiligenbilder sollten aus den Kirchen verschwinden. Durch die antiklerikalen Aktionen wurde propagandistischer Druck aufgebaut. Die Räte nutzten ihn, um den Kurfürsten zu Reformen zu drängen, weil sonst Aufruhr und Empörung drohten. Dieser aber verbot die Umsetzung der Stadtordnung und Luther sekundierte ihm mit seinen Invocavit-Predigten. Das war eine schwere Hypothek für die Reformation. Das Beispiel aber wirkte: Im unmittelbaren Anschluss kam es in vielen süddeutschen und schweizerischen Städten zu ähnlichen Stadtreformationen.
Bild: Diese Gedenktafel für Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, befindet sich am Kirchplatz 11 in Wittenberg. Foto: privat

