Wittenberg (md(wg). Der Kunstraub im Nationalsozialismus zählt zu den dunkelsten Kapiteln der Kunst- und Kulturgeschichte. Befinden sich auch in den LutherMuseen unerkannt geraubte Kunstschätze? Dieser Frage geht ein Vortrag des Historikers und Provenienzforschers Patrick Bormann am Dienstag, dem 3. März, um 18:30 Uhr in der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt nach. Um Anmeldung an service@luthermuseen.de oder 03491/4203 171 wird gebeten. Der Eintritt ist frei.
In der NS-Zeit wurden zahlreiche Kunstwerke und Kulturgüter systematisch geraubt oder unter fragwürdigen Umständen erworben. Diese verborgenen Geschichten aufzudecken, ist Aufgabe der Provenienzforschung. Der Vortrag stellt erste Ergebnisse des Projektes zur Provenienzforschung der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt vor, das sich seit Januar 2025 mit den Erwerbungen von 1933 bis 1945 befasst. Ermöglicht wird die Recherche durch Projektmittel des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste (DZK). Anhand einzelner Objekte beleuchtet Patrick Bormann, der das Projekt betreut, ihre Herkunft, die Schicksale verfolgter Vorbesitzer und die praktische Forschungsarbeit.
Dr. Thomas T. Müller, Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, betont: „Bereits kurz nach meinem Amtsantritt Anfang 2023 haben wir in unserer Stiftung beschlossen, beim DZK einen Projektantrag zu stellen, um die Herkunft der Erwerbungen der Lutherhalle aus der Zeit des Nationalsozialismus untersuchen zu lassen. Ich freue mich, dass dieses Projekt nun mit großer wissenschaftlicher Kompetenz und mit Unterstützung des DZK umgesetzt wird.“ Projektleiterin Anne-Katrin Ziesak, Leiterin der LutherMuseen in Wittenberg, sagt dazu: „Ausgangspunkt der Untersuchungen waren erste Recherchen in den Zugangsverzeichnissen der Lutherhalle – dies war bis 1997 der Name des heutigen Lutherhauses und seiner Sammlungen –, die zeigen, dass der damalige Direktor der Lutherhalle, Oskar Thulin, wiederholt bei Händlern kaufte, die in den NS-Kunstraub involviert waren.“
Patrick Bormann ergänzt: „Dieser Verdacht hat sich tatsächlich bestätigt. Zu den Händlern gehörten u.a. der Berliner Autographenhändler J. A. Stargardt, das Würzburger Antiquariat Helmut Tenner und die späteren Besitzer des „arisierten“ Antiquariats Gustav Fock in Leipzig. In den letzten Monaten haben wir die sich daraus ergebenden Verdachtsfälle untersucht. Dabei konnten wir eine ganze Reihe entkräften, in anderen Fällen hat sich der Verdacht hingegen erhärtet. Eine systematische Beteiligung der Lutherhalle am NS-Kunstraub hat es jedoch nicht gegeben.“ Das Projekt und seine Ergebnisse werden öffentlich dokumentiert und in die Datenbanken „Lost Art“ und „Looted Cultural Assets“ eingestellt.
Bild: Schreiben des Reformators Paul Eber (1511-1569) vom 10. September 1561 an einen unbekannten Empfänger. Bei dem Autograph handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein geraubtes Objekt. Die Lutherhalle hat es im Oktober 1944 beim Berliner Antiquariat J. A. Stargardt erworben. Foto: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

