Samstag, 11.04.2026

Wittenberg (aw). Hoher Besuch in Piesteritz: sachsen-Anhalt neuer Ministerpräsident Sven Schulze (CDU), Wirtschafts- und Landwirtschaftsminister Michael Richter (CDU) sowie EU-Agrarkommissar Christophe Hansen informierten sich am Freitag (10. April) bei den SKW Stickstoffwerken über die Lage des traditionsreichen Standorts. Im Mittelpunkt standen die Versorgung mit Düngemitteln, die Wettbewerbsfähigkeit des Werkes und die Frage, wie Europas Lebensmittelversorgung langfristig gesichert werden kann.


Ministerpräsident Sven Schulze und EU-Kommissar Christophe Hansen verlassen das AGROFERT-Gebäude in Piesteritz und steigen in den Bus zur Werksrundfahrt bei SKW Stickstoffwerke Piesteritz ein.
Fotos: Antje Weiß

Ein Blick hinter die Werkstore

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Nach einem ersten Austausch im AGROFERT-Gebäude begann die Werksrundfahrt über das weitläufige Gelände. Moderiert wurde sie von Geschäftsführer Carsten Franzke, der seit mehr als 40 Jahren im Werk tätig ist und das operative Geschäft seit Februar 2009 maßgeblich prägt. Neben ihm begleiteten auch der Vorsitzende der Geschäftsführung, Petr Cingr, sowie die weiteren Mitglieder der Geschäftsleitung, Torsten Klett und Antje Bittner, den Besuch und standen für Gespräche zur aktuellen Lage und den Perspektiven des Standorts zur Verfügung. Im voll besetzten Bus begrüßte Franzke die Gäste und Journalisten mit sichtbarem Stolz: „Jetzt beweisen wir, dass das, was wir erzählen, nicht nur gewollt ist, sondern dass es das alles tatsächlich gibt.“


Carsten Franzke erläutert den Gästen die verschiedenen Stationen des Werksgeländes.

Erster Halt war die Lieken-Bäckerei auf dem Gelände. Dort werden rund 200.000 Tonnen Backwaren im Jahr hergestellt. Franzke erklärte die moderne Reinraumtechnik und den Biofilter, der Gerüche neutralisiert. „Es ist sozusagen eine geruchsneutrale Bäckerei“, sagte er. Für ihn war dieser Auftakt bewusst gewählt: Er sollte zeigen, wie eng industrielle Produktion und tägliche Versorgung miteinander verbunden sind.

Vom Grundstoff bis zum Lebensmittel

Im weiteren Verlauf der Rundfahrt wurde deutlich, warum der Standort Piesteritz als systemrelevant gilt. SKW ist Deutschlands größter Ammoniakproduzent und stellt unter anderem Harnstoff, Düngemittel, Umweltprodukte und AdBlue her. Mit 32 Kilometern Gleisnetz, eigenem Anschlussbahnhof und Werksanleger an der Elbe ist das Werk hervorragend angebunden.

Seit Mitte März laufen beide Ammoniakanlagen wieder unter Volllast. Das war lange nicht selbstverständlich: Wegen der hohen Energiepreise musste SKW in den vergangenen Jahren zeitweise die Produktion drosseln, phasenweise lief nur eine Anlage. Jetzt ist die Nachfrage nach Düngemitteln saisonbedingt hoch, verstärkt durch Unsicherheiten auf den Weltmärkten. „Wir tun alles, um ausreichend Düngemittel zur Verfügung zu stellen“, machte Franzke deutlich.

Gerade dieser Aspekt stand auch für EU-Kommissar Christophe Hansen im Fokus. Denn bezahlbare Düngemittel sind ein entscheidender Faktor für die Landwirtschaft. Steigen die Preise zu stark oder fallen Produktionen aus, trifft das am Ende die gesamte Lebensmittelkette – vom Acker bis zum Supermarktregal. Hansen machte deutlich, dass Europa solche Schlüsselstandorte erhalten müsse, um unabhängig zu bleiben und die Versorgung der Menschen zu sichern.

Ein Standort mit Kreislaufgedanken

Besonders eindrucksvoll schilderte Franzke das Zusammenspiel von Industrie, Energie und Ernährung. In der Ammoniaksynthese herrschen Temperaturen von 500 Grad Celsius und Drücke von bis zu 240 bar. Gleichzeitig wird CO₂ aus dem Produktionsprozess abgeschieden und weiterverwendet – etwa für Getränke oder die benachbarten Gewächshäuser.

Dort wachsen auf 45 Hektar Tomaten, Paprika und Erdbeeren. Das CO₂ und die Abwärme aus dem Werk werden direkt genutzt. „Das ist wie Alice im Wunderland – da fliegen Hummeln“, sagte Franzke. Der Standort zeige damit beispielhaft, wie ein industrieller Kreislauf funktionieren kann: Energie, Rohstoffe und Nebenprodukte fließen in neue Prozesse – und sichern am Ende auch die Versorgung mit Lebensmitteln.

Zertifikate bleiben das größte Problem

Trotz aller Zuversicht wurde beim Besuch auch Klartext gesprochen. Das größte Problem für SKW bleiben aus Sicht des Unternehmens die CO₂-Zertifikate. Allein 2025 lagen die Kosten laut Franzke bei rund 40 Millionen Euro – bei einem Jahresumsatz von etwa 800 Millionen Euro.

Der Knackpunkt: Ein erheblicher Teil des CO₂ wird in Piesteritz stofflich genutzt, etwa für Harnstoff oder in weiteren Prozessen. Trotzdem entstehen hohe Zusatzkosten, die Wettbewerber außerhalb Europas so nicht tragen müssen. Sollte die kostenlose Zuteilung weiter sinken, drohen die Belastungen deutlich zu steigen.

Politik signalisiert Unterstützung

Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) betonte die große Bedeutung des Standorts für Sachsen-Anhalt und weit darüber hinaus. Positiv wertete er, dass die EU-Zölle auf russischen Harnstoff und der Wegfall der Gasspeicherumlage erste Entlastungen gebracht hätten. Nun müsse auch beim Zertifikatesystem nachgebessert werden.

Trotz schwieriger Jahre zeigt sich SKW vorsichtig optimistisch. Rund 120 Millionen Euro sollen in den Standort investiert werden – unter anderem in eine neue Produktionslinie bei Lieken sowie in Energieeffizienz, Infrastruktur und die Vorbereitung auf Wasserstoff. Für Franzke bleibt die Botschaft klar: „Wir glauben an die Zukunft. Wir haben eine reale Chance. Wir können auch die nächsten 40 Jahre bestehen.“

Von Redaktion