Wittenberg (md). Nach zwei Jahren coronabedingter Zwangspause konnte am Mittwochabend der Neujahrsempfang des Augustinuswerks wieder wie gewohnt in der Hauptwerkstatt für Menschen mit Behinderungen in Präsenz stattfinden, er ist im Reigen der Empfänge traditionell der letzte im noch jungen Jahr.
„Wir kommen aus dem Krisenmodus nicht heraus, erst Corona, dann der Ukrainekrieg und die daraus resultierende Inflation sowie der Fachkräftemangel fordern uns täglich heraus“, erklärte Thomas Keitzl, Vorsitzender des Verwaltungsrates des Augustinuswerks. Dies alles belaste Verantwortliche und Mitarbeiter bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit und darüber hinaus, ebenso die Klienten des Augustinuswerks. Trotzdem schaue man optimistisch in die Zukunft, „denn Hoffnung und Zuversicht können uns die gegenwärtigen Belastungen einfacher machen“.
Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff erinnerte in seinem Grußwort daran, dass das Augustinuswerk vor 33 Jahre gegründet wurde aus einer Idee des damaligen Runden Tisches heraus mit dem Ziel, „aus Gebäuden der Stasi Häuser der Menschlichkeit zu machen.“ Von Anfang an sei diese Idee im Sinne der Diakonie und Caritas ökumenisch geprägt gewesen, deshalb seien die Neujahrsempfänge des Augustinuswerks auch immer traditionell ökumenische Kirchenempfänge.
Heute sei das Augustinuswerk ein großes Unternehmen mit vielen Geschäftsbereichen. Dies zeige auf der einen Seite die erfolgreiche Entwicklung und den Bedarf, auf der anderen Seite, sei es nicht einfach, in Zeiten der Krise „soziale Strukturen vital zu halten“. Dies sei der Landesregierung bewusst, in Form von Härtefall-Fonds verfüge man über Puffermöglichkeiten, die man zielgenau einsetzen wolle. Die Funktionsfähigkeit sozialer Träger müsse erhalten werden, denn diese seien wichtig und wertvoll für den Zusammenhalt der Gesellschaft.
Sachsen-Anhalt habe 30.000 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, darunter 5.000 Schulkinder, aufgenommen. „Daran sieht man, dass unsere Gesellschaft nicht entsolidarisiert ist und wir die Kraft haben, das gemeinsam durchzustehen“, erklärte Haseloff. Auch wenn es keine Ideallösungen gebe, wünsche er sich so schnell wie möglich eine Friedensordnung in Europa und in der Welt. „Immer wieder fordern neue Herausforderungen wie jüngst das Erdbeben in der Türkei und Syrien unsere Solidarität heraus“, betonte der Ministerpräsident.
Landrat Christian Tylsch dankte den Mitarbeitern des Augustinuswerks für ihre wertvolle Arbeit: Wer wissen wolle, was christliche Nächstenliebe praktisch bedeute, der müsse das Augustinuswerk in den Blick nehmen. Der Träger habe sich in den sozialen Diensten, in den Werkstätten, in der Pflege, in der Betreuung und in der Unternehmensführung zu einem der Leuchttürme im Land entwickelt. Das Augustinuswerk sei der „lebendige Beweis“ dafür, dass Deutschland kein Land der „sozialen Kälte“ sei.
Dass die Sozialagentur des Landes Sachsen-Anhalt den Trägern der Behindertenhilfe die notwendige finanzielle Kompensation der durch Inflation, Energiekostenexplosion und Anhebung des Mindestlohns entstandenen Mehrkosten verweigere, kritisierte der Landrat: „Hier frage ich mich schon, wie gerecht diese Einstellung ist.“ Statt sich hinter Schreibtischen und Zahlen zu verschanzen, müsse die Sozialagentur endlich die Realitäten anerkennen und entsprechend handeln.
Im Augustinuswerk gebe es keine Aktionäre, die Renditen erwirtschaften, sondern das Sozialunternehmen trage sich selbst und erfülle dabei einen wichtigen gesellschaftlichen Auftrag. Soziale Träger dürften nicht auf finanzielle Mehrbelastungen sitzen bleiben, wer hohe Qualität wolle, müsse auch bereit sein, diese auskömmlich zu finanzieren. „Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass jeder Mensch in unserer Gesellschaft die gleichen Chancen hat und den gleichen Respekt verdient“, appellierte der Landrat. Durch ihren Einsatz würden die Mitarbeiter des Augustinuswerks zu einer „besseren Zukunft für die Menschen nicht nur in der Region, sondern im gesamten Land beitragen.“
Oberbürgermeister Torsten Zugehör, der seinen Zivildienst im Augustinuswerk absolvierte, dankte Augustinusvorstand Matthias Monecke und seinem Vorgänger Bernd Keitzl sowie allen Mitarbeitern dafür, dass sie mit ihrer sinnstiftenden Arbeit und ihrem Engagement tagtäglich für Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Behinderungen sorgen. Die Jahre der Corona-Pandemie habe man trotz alle Herausforderungen mit Ruhe und Nachsicht bewältigt, zudem sei das Augustinuswerk ein wichtiges Mitglied des Sozialen Runden Tisches, den die Stadt im vergangenen Jahr als Netzwerk für den Austausch zwischen karitativen und kommunalen Stellen gegründet habe, um hilfesuchenden Bürgern Optionen aufzeigen zu können.
Zugehör erinnerte an die lateinische Inschrift des Lübecker Holstentores „Concordia domi foris pax“ („Eintracht innen, draußen Friede“), die heute aktueller denn je sei. Der Blick auf das Gemeinsame und Verbindende dürfe nicht verloren gehen, die Angst vor der Zukunft und die Sorge vor der Ungewissheit dürften nicht zu Rückzug und Abschottung führen. Im Zeitalter der Globalisierung seien Innen und Außen eng miteinander verwoben und dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, vielmehr gehe es darum, beides auf verantwortliche Weise miteinander zu versöhnen. Trotz aller Probleme hätten Augustinusvorstand Monecke und sein Team den kreativen Geist nicht verloren, sondern in schwierigen Zeiten mit „Mittendrin Wittenberg“ ein neues Printmagazin auf den Weg gebracht.
Die ökumenische Andacht von Superintendentin Gabriele Metzner und dem katholischen Pfarrer Michael Poschlod stand unter der Jahreslosung „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (1. Mose 16,13). So wie Gott die Magd Hagar begleitet hat auf ihren Umwegen des Lebens, so begleitet er auch uns heutige Menschen. Durch Sehen und Gesehenwerden wird der Mensch Teil der sozialen Welt oder wie Metzner den Religionsphilosophen Martin Buber zitierte: „Der Mensch wird erst am Du zum Ich“. Die Superintendentin erinnerte auch an die sogenannte Stehgreifrede Johann Hinrich Wicherns vor 165 Jahren in der Schlosskirche zu Wittenberg, mit der die kirchliche Diakonie begründet wurde, in deren Tradition auch das Augustinuswerk steht.
Matthias Monecke: „Wir sind Kämpfer!“
„Nur gemeinsam im Verbund sind wir stark“, unter dieses Motto stellte Augustinusvorstand Matthias Monecke seine Rede, in der er vor allem den Mitarbeitern und Beschäftigten der Werkstätten dafür dankte, dass man gemeinsam die harte Zeit der Corona-Pandemie durchstanden habe: „Wir haben uns nicht unterkriegen lassen, im Gegenteil haben wir uns gegen die Epidemie gestellt und das mit Erfolg. Von den mehr als 1.200 Klienten, die wir versorgen, sind nur zwei am Corona-Virus verstorben, ein großartiger Erfolg dank der umsichtigen Arbeitsweise unserer Mitarbeitenden.“
Mitten in der Pandemie habe man in nur drei Monaten die Kurzzeitpflege aus dem Boden gestampft und diese neue Einrichtung auch dafür genutzt, um Corona-Patienten zur Entlastung des örtlichen Krankenhauses aufzunehmen. Als in der Politik noch darüber diskutiert wurde, ob Raumfilter Sinn machen und gefördert werden sollen, habe das Augustinuswerk mit Hilfe seiner Stiftung gehandelt und investiert, auch dies habe dazu beigetragen, dass man die Pandemie erfolgreich bewältigen konnte. Überdies engagiere sich das Augustinuswerk in der Aufnahme von Ukraine-Flüchtlingen: „Wo wir unterstützen können, tun wir dies gern. Wir sind ein starker Partner, aber wir brauchen auch die entsprechende Finanzierung.“
Das vergangene Jahr sei sehr hart gewesen, trotz eines beeindruckenden Jahresumsatzes von 40 Millionen Euro werde man auf Grund der Explosion bei den Energiekosten mit „Ach und Krach“ nur eine schwarze Null erreichen. Die gestiegenen Kosten könne man weder an die Klienten noch an die Auftraggeber der Werkstätten weiter geben. Vor allem für die Werkstätten werde 2023 ein hartes Jahr aufgrund der Auftragsrückgänge. Im Fensterbau habe man 2022 rund 3,5 Millionen Euro Umsatz gemacht, in 2023 seien die Auftragsbücher so gut wie leer. Mit den Erlösen aus dem Fensterbau finanziere man solidarisch auch die Löhne der leistungsschwächeren Beschäftigten in den Werkstätten.
„Die Kosten laufen trotzdem weiter, aber wir werden auch diese Krise überstehen, denn wir sind Kämpfer“, erklärte Monecke. Trotz der schwierigen Bedingungen investiere man weiter in die Zukunft, so mit 2,7 Millionen Euro in die Sanierung und Modernisierung der Hauptwerkstatt, wo unter anderem Wäscherei und Tischlerei ihren neuen Standort beziehen werden. „Auch aus dieser Krise werden wir gestärkt hervorgehen“, betone Monecke und appellierte an die Gäste des Neujahrsempfangs: „Bleiben Sie uns treu, lassen Sie uns gemeinsam stark in die Zukunft gehen!“
Bild: Augustinusvorstand Matthias Monecke. Foto: Alexander Baumbach
























