Wittenberg (aw). Trotz anhaltenden Schneefalls und winterlicher Straßen fanden rund 600 Gäste am 9. Januar den Weg ins Stadthaus Wittenberg zum traditionellen Neujahrsempfang der Lutherstadt Wittenberg. Bereits am Eingang wurden sie von Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilose), Bürgermeister André Seidig (parteilose) und Stadtratsvorsitzender Franziska Buse (CDU) persönlich begrüßt. Das Salonorchester Wittenberg sorgte für einen festlichen Rahmen.

Stadtratsvorsitzende Franziska Buse eröffnete offiziell den Empfang und begrüßte auch den Ehrengast des Abends: Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff (CDU). In seinem Grußwort sprach Haseloff offen über seinen geplanten Rückzug aus dem Amt und verwies zugleich auf seine enge persönliche Verbundenheit mit Wittenberg. Er betonte, dass er auch künftig Wittenberger bleiben werde. Die Stadt sei für ihn nicht nur die bedeutendste in Sachsen-Anhalt, sondern eine Stadt von nationaler Bedeutung.

OB Zugehör teilt gegen Berlin aus – und gegen Denkfaulheit
Oberbürgermeister Torsten Zugehör verzichtete in seiner Neujahrsansprache bewusst auf jede „Anschleimphase“ und rechnete mit routinierten Staatsreden ab. Kritik richtete er an Bundeskanzler Friedrich Merz, dem er fehlenden Bezug zu Kindern und zur „desaströsen Geburtenquote“ vorwarf – selbst ein Lächeln habe in dessen Ansprache gefehlt. Mit einem derb-humorvollen Lutherzitat („Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“) setzte Zugehör ein bewusstes Zeichen und den Anspruch, in Wittenberg klarer, direkter und ehrlicher zu sprechen.

Einerseits lobte er sanierte und ausgebaute Kitas, neue Spielplätze, Investitionen in Straßen, Feuerwehren und die Vorbereitung der Landesgartenschau 2028 mit über 40 Millionen Euro Gesamtvolumen, von denen mehr als drei Viertel aus Fördermitteln stammen. Andererseits sprach er offen über die Schattenseiten: 2018 gab es in Wittenberg noch 418 Neugeborene, 2025 nur noch 250 – ein Rückgang um 41 Prozent, mit spürbaren Folgen für Kitas, Schulen, Vereine und vor allem für die Freiwilligen Feuerwehren.

Beim Thema Gesundheit verwies er auf die schwierige Lage des Paul-Gerhardt-Stifts, das nicht wie Unikliniken „Ministerinnen mit großen Geldkoffern“ erlebt, und kritisierte den Reformstau.„Optimismus soll man nicht in Berlin suchen, sondern im nächsten Rathaus, wo gearbeitet wird“, forderte er mehr Vertrauen und Entscheidungsspielräume für die Kommunen – etwa, wenn für einen einzigen Baum in der Altstadt nicht Halle oder Magdeburg entscheiden dürften, sondern die Stadt vor Ort.
Einen Schwerpunkt seiner Neujahrsansprache legte Zugehör auf eine präzise und verständliche Sprache in Politik und Gesellschaft. Populistische Schlagworte würden sachliche Diskussionen ersetzen. Er rief er dazu auf, Informationen sorgfältiger zu prüfen. Gerade in sozialen Medien, brauche es mehr Nachdenken vor dem Teilen und Kommentieren – denn eine lebendige Demokratie lebe von Klarheit, Verantwortung und Sachlichkeit.

Lucas-Cranach-Preis und Ehrenurkunde
Ein Höhepunkt des Abends war die Verleihung des Lucas-Cranach-Preises der Lutherstadt Wittenberg. In diesem Jahr zeichnete die Stadt zwei Persönlichkeiten aus: Katja Köhler und Bernhard Naumann. In ihrer Laudatio würdigte Franziska Buse ihr außergewöhnliches Engagement für die Vermittlung des reformatorischen Erbes. Köhler ist als Katharina-von-Bora-Darstellerin, Stadtführerin und in der Bildungsarbeit der LutherMuseen aktiv. Bernhard Naumann ist über die Stadtgrenzen hinaus als Martin-Luther-Darsteller bekannt. Beide stehen beispielhaft für eine lebendige und zukunftsorientierte Kulturarbeit. Sie erhielten die Urkunde mit der symbolischen Cranach-Schlange und trugen sich ins Goldene Buch der Stadt ein.

Große Anerkennung erhielt auch Rainer Kehling. Zugehör überreichte ihm die Ehrenurkunde des Stadtrates. Mit seinem Handwagen sammelt Kehling regelmäßig Müll in der Stadt, unterstützt den Frühjahrsputz und ist für viele längst ein bekanntes Gesicht im Stadtbild. Die Gäste dankten ihm mit stehenden Ovationen – sichtbar bewegt hielt er seine Urkunde hoch.

Nach einem musikalischen Beitrag des Jugendchores der Kreismusikschule ging der offizielle Teil in einen geselligen Abend über. Beim Buffet und in vielen Gesprächen wurde der Neujahrsempfang zu einem Ort der Begegnung – für manche Gäste bis in die frühen Morgenstunden.









