Wittenberg (md/aw). Im Rahmen eines Pressegesprächs am 31. März 2026 sind im Museum der Städtischen Sammlungen im Zeughaus bedeutende Zeugnisse der Wittenberger Handwerksgeschichte in neue Hände übergeben worden. Die Kreishandwerkerschaft Landkreis Wittenberg überreichte mehrere historische Innungsfahnen an Oberbürgermeister Torsten Zugehör, der diese unmittelbar an den Leiter der Städtischen Sammlungen, Andreas Wurda, weitergab. Ziel ist die dauerhafte und fachgerechte Aufbewahrung der empfindlichen Textilien im Depot.

Die Übergabe erfolgte nicht ohne Grund: Die teils über hundert Jahre alten Fahnen sind durch Alterung und Nutzung stark beschädigt. Um ihren weiteren Verfall zu verhindern, entschied sich die Kreishandwerkerschaft, die Originale in professionelle Obhut zu geben. „Die historischen Innungsfahnen sind bedeutende materielle Zeugnisse unserer Stadtgeschichte. Gerade deshalb ist es wichtig, sie für kommende Generationen zu bewahren“, betonte Oberbürgermeister Zugehör.
Zwei Schenkungen, zwei Leihgaben – und viel Geschichte
Insgesamt wurden fünf Fahnen übergeben. Als Schenkungen gingen die Fahnen der Bäcker-Innung (1924), der Bäckergesellen-Vereinigung (1926) sowie der Zwangsinnung der Dachdecker (1933) in den Besitz der Stadt über. Die Fahnen der Friseurinnung (1926) und der vereinigten Gewerke Korbmacher, Böttcher und Stellmacher (1823) verbleiben hingegen als Dauerleihgaben bei der Lutherstadt.
Die Innungen prägten über Jahrhunderte das wirtschaftliche und politische Leben Wittenbergs maßgeblich. Der Stadtrat fungierte lange Zeit als Aufsichtsbehörde und verwahrte nach Umstrukturierungen zentrale Objekte des Innungswesens – darunter auch die sogenannten „Laden“, Truhen mit wichtigen Dokumenten und Symbolen. Viele dieser historischen Zeugnisse befinden sich heute bereits in den Städtischen Sammlungen und wurden in den vergangenen Jahrzehnten aufwendig restauriert.
Zwischen Tradition und Verantwortung
Die Entscheidung zur Abgabe fiel den Innungen nicht leicht. „Wir geben unsere Fahne mit einem weinenden, aber auch mit einem lachenden Auge ab“, erklärte René Peper, Obermeister der Kfz-Innung. „Sie ist sehr empfindlich geworden und wird beim Ausrollen jedes Mal beschädigt. Deshalb sind wir dankbar, sie hier in gute Hände geben zu können.“ Gleichzeitig habe es viel Überzeugungsarbeit innerhalb der Mitgliedschaft gebraucht.
Auch Enrico Reinecke, Kreishandwerksmeister und Obermeister der Bau-Innung, verwies auf die Herausforderungen einer Neubeschaffung: „Eine neue Innungsfahne kostet rund 8.000 Euro, je nach Ausführung. Dafür wird sie traditionell handgefertigt – und es gibt nur wenige Anbieter in Deutschland.“
Feierliche Fahnenweihe im April
Die neuen Innungsfahnen werden der Öffentlichkeit erstmals am 18. April 2026 präsentiert. Geplant ist eine feierliche Fahnenweihe im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes um 14 Uhr in der Schlosskirche Wittenberg. Im Anschluss ziehen die Innungen in einem Festmarsch auf den Marktplatz, wo sie von Oberbürgermeister Zugehör empfangen werden.
Mit der Übergabe der historischen Fahnen ist ein wichtiger Schritt gelungen: Die wertvollen Zeugnisse des Handwerks bleiben erhalten – und zugleich lebt die Tradition mit neuen Symbolen weiter.

