Karussell, eine der bekanntesten Ost-Rock-Bands, spielt am 28. April im barocken Altarraum
Coswig (cs). Von 2002 bis 2003 stand die Coswiger Evangelische Kirche im überregionalen Blickpunkt – war sie doch Kirche des Jahres. Persönlichkeiten, unter anderem Alfred Neven DuMont, der ehemalige Herausgeber des Kölner Stadtanzeigers und auch viele Jahre der Mitteldeutschen Zeitung, unterstützten das Gotteshaus in Ausstattung und Sanierung. Ein restaurierter Cranach zeugt heute noch davon. Diese Bekanntheit wollte die Kirchengemeinde festhalten und rief 2004 eine Konzertreihe ins Leben, welche inzwischen unter dem Namen „Coswiger Konzerte am Lutherweg“ noch immer existiert. Einmal im Monat sonntags um 17 Uhr öffnen sich die Kirchentüren für Musikliebhaber. Seit fünf Jahren organisiert das Gemeindemitglied Hans-Volker Frenzel ehrenamtlich diese Konzertreihe.
Am 28. April kommt ein absoluter Hochkaräter. Die Band Karussell, bekannt für solche Titel wie „Ehrlich will ich bleiben“, „Autostopp“, „Entweder oder“, „Fischlein unterm Eis“ und ihren größten Hit „Als ich fortging“ wird in Coswig Station machen.
Hans-Volker Frenzel freut sich sichtlich auf dieses Highlight, auch wenn es viel Arbeit bedeutet. Der Ticketverkauf wurde organisiert, ein neuer Kraftstromanschluss muss noch in die Kirche gelegt werden. „Das wird alles“, ist sich Frenzel sicher. „Im Vorverkauf gibt es die Tickets für 29 Euro im Pfarrhaus, bei Buch und Kunst Müller in der Friederikenstraße und in der Stadtinfo“, empfiehlt der Organisator. „Am Tag selbst kosten die Tickets 33 Euro.“
Beim Rundgang durch die Kirche zeigt Hans-Volker Frenzel, wie das Konzert ablaufen wird. Die Band wird im barocken Altarraum aufbauen, die Kirchenbänke werden noch mit zusätzlichen Stuhlreihen verstärkt, die Empore wird ebenfalls geöffnet. Nicht immer wird so viel Platz benötigt, aber auch die kleineren Konzerte haben ihre Liebhaber und können noch mehr davon vertragen, wie Hans-Volker Frenzel erklärt.
Am 2. Juni wird es ein Sommerkonzert mit Saxophon und Kontrabass geben, eine Woche später wird der Coswiger Posaunenchor anlässlich seines 70jährigen Bestehens aufspielen. Dann wird Frenzel nicht nur das Konzert organisiert haben, sondern selbst musizieren, sein Instrument ist die Tuba.
Das „Mittendrin“ hatte die Möglichkeit zu einem exklusiven Interview mit Wolf Rüdiger Raschke, in dem es um die größten Hits und die langjährige Bandgeschichte ging, aber natürlich auch um das neue Album und das Konzert in der St. Nicolai-Kirche in Coswig.
Cordula Specht: Was erwartet das Publikum in Coswig?
Wolf Rüdiger Raschke: Barock trifft Rock. Der Kantor der Kirche wird das Konzert mit einem Orgelspiel eröffnen. Es wird der erste Teil der Fuge D-Moll von Johann Sebastian Bach zu hören sein. Wir kommen bekanntlich aus der Bachstadt Leipzig und das ist uns eine große Freude. Anschließend greifen wir für rund zwei Stunden in die Saiten. Anschließend geben wir an unserem Merchandisingstand Autogramme und stehen für Gespräche zur Verfügung.
Cordula Specht: Wie kommt es, dass Sie in Kirchen spielen?
Wolf Rüdiger Raschke: Ich war mal für eine längere Reise in den USA und habe dort begeistert erlebt, was für Stimmung in Kirchen auch herrschen kann. Von Rock über Blues bis hin zu Gospel war alles dabei. Vor acht Jahren haben wir dann das erste Mal im Dom von Greifswald gespielt, seitdem gehören Kirchen zu unseren Spielstätten. Aber nicht nur.
Cordula Specht: Wieviel Konzerte spielen Sie in etwa im Jahr?
Wolf Rüdiger Raschke: Rund 70 werden es in diesem Jahr sein. In Kirchen, bald auch Open-Air, so im Mai auch in Ihrem Landkreis in Gräfenhainichen, bei Festivals und in den Sommermonaten an der Ostsee von Rügen bis Kühlungsborn.
Cordula Specht: Auf was darf sich das Publikum freuen?
Wolf Rüdiger Raschke: Am 18. April kommt unser viertes Nachwendealbum raus. Natürlich werden die neuesten Titel zu hören sein. Das Album heißt „Unter den Sternen“ und ist auf meinen Sohn Joe Raschke, Liedsänger und Keyboarder, zurückzuführen. Er kam spätabends aus dem Studio und spazierte am Brandenburger Tor entlang. Der Sternenhimmel über ihm, aber das Leben spielte unten auf der Erde. Das war die Inspiration zu diesem wunderschönen Titel, der auch als Single erscheinen wird. Aber natürlich erwartet das Publikum auch die alten Hits und selbstverständlich wird unsere Hymne „Als ich fortging“ gespielt.
Cordula Specht: Sie haben Ihren Sohn erwähnt, wer ist noch Mitglied der Band?
Wolf Rüdiger Raschke: Karussell hatte schon immer sehr wechselnde Besetzungen, auch zu DDR-Zeiten. Wir sind uns aber immer im Stil treu geblieben, Karussell bleibt immer erkennbar. Das ist auch jetzt so. Neben mir als Ur-Bandmitglied ist auch Reinhard (Oschek) Huth, Frontmann der ersten Stunde, dabei. Den Bass spielt Urgestein Jan Kirsten, Benno Jähnert das Schlagzeug, Moritz Pachale Gitarre. Wir sind inzwischen eine 3-Generationen-Band. Moritz ist mit Anfang 20 der Jüngste, ich mit 76 etwas älter (lacht). Ich fühle mich aber maximal wie Mitte 30.
Cordula Specht: Stimmt es, dass Ihr Sohn „schuld“ ist, dass es Karussell wieder gibt?
Wolf Rüdiger Raschke: Ja. Karussell gibt es seit 1976. Wir gehörten zu den bekanntesten Bands der DDR und haben die großen Arenen bespielt. Mit der Wende hat sich unser Publikum, völlig verständlich, erst einmal der internationalen Musikszene zugewandt. Uns wollte keiner mehr. Viele von uns haben sich also beruflich umorientiert, ich wurde Hotelier. Mein Sohn hielt 2007 den Zeitpunkt für ein Comeback gekommen und überzeugte mich. Wir probten zu zweit in meinem Studio und dann spielte der Zufall Schicksal. John Kelly war mit seiner Frau Gast in unserem Hotel und bereitete sich auf ein größeres Konzert in der Muldentalhalle in Grimma vor. Er hörte uns und lud uns in sein Konzert ein. Wir haben dann ein Doppelkonzert gespielt. Kurz darauf fand sich dann Karussell in der fast jetzigen Besetzung zusammen.
Cordula Specht: In zwei Jahren wird Karussell 50 Jahre.
Wolf Rüdiger Raschke: Ja, wir haben noch viel vor. Es macht uns unheimlich viel Spaß gemeinsam auf und hinter der Bühne. Jetzt freuen wir uns erst einmal auf das Konzert in Coswig.


