Wittenberg (md/wg). Mit mehr als 100 Schauplätzen stellt der 16. Tag der Industriekultur (TIK) 2026 in Sachsen-Anhalt einen neuen Rekord auf. Am Sonntag, 12. April 2026, öffnen zwischen Havelberg und Zeitz, Blankenburg (Harz) und Annaburg Fabriken, Bergwerke, Werkssiedlungen sowie Industrie- und Technikmuseen ihre Tore. Bunker besichtigen, unter Tage gehen, auf historischen Eisenbahnstrecken die Landschaft genießen – oder die Vorläufer des modernen Industriebaus neu entdecken: Der 16. TIK in Sachsen-Anhalt macht all das möglich.
Engagierte Vereine, Ehrenamtliche und Unternehmen lassen Maschinen rattern, Motoren tuckern und Schlote rauchen. Sie erzählen von Arbeit und Erfindergeist und zeigen, wie tief Industriekultur im Land verwurzelt ist. Zusätzlich werden Führungen, Vorträge und Touren mit historischen Fahrzeugen angeboten. So wird die Industriegeschichte Sachsen-Anhalts einen Tag lang wieder erlebbar. Mit der Anzahl von 100 Standorten erinnert das Netzwerk Industriekultur Sachsen-Anhalt (NIK), das den landesweiten Aktionstag organisiert, zudem an das Jubiläum 100 Jahre Bauhaus in Dessau (2025/26).
Dort wurde der Aktionstag bereits am Donnerstag, 9. April, mit der offiziellen Eröffnungsveranstaltung in der wiederentdeckten Kraftmaschinenhalle eingeläutet. „Die Kraftmaschinenhalle in Dessau steht exemplarisch für das, was der Tag der Industriekultur sichtbar macht: Orte, die lange übersehen wurden und plötzlich wieder im Mittelpunkt stehen. Genau darin liegt der Reiz für Besucher“, sagt Dr. Thomas Fischer vom Netzwerk Industriekultur Sachsen-Anhalt. Der Industriebau wurde vom Architekten und Vordenker der legendären Bauhaus-Schule für Kunst, Design und Architektur, Peter Behrens, für die Weltausstellung 1910 in Brüssel entworfen, später nach Dessau umgesetzt und geriet über Jahrzehnte in Vergessenheit.
Heute gilt die Halle als Schlüsselwerk moderner Industriebaukunst – und rückt im Bauhaus-Jubiläumsjahr zum landesweiten Industriekulturtag erneut in den Fokus. Zum TIK ist die Kraftmaschinenhalle geöffnet. Die Nahverkehrsfreunde Dessau bieten im 40 Minuten-Takt (TIK-Takt) eine Bustour zu bedeutenden industriekulturellen Orten in Dessau an, ein Haltepunkt ist die Kraftmaschinenhalle. Auf einer Ringlinie durch die Stadt werden die Industriekultur-Orte Triebwagenmuseum, Schultheiß-Brauerei, Peter-Behrens-Kraftmaschinenhalle, Junkers-Lamellenhalle und das Technikmuseum mit dem Hauptbahnhof verbunden. In den Bussen findet während der Fahrt eine Moderation statt.
„Dass sich in diesem Jahr erstmals mehr als 100 Orte beteiligen und für einen neuen Rekord sorgen, zeigt, wie groß das Engagement für und das Interesse an Industriekultur ist“, so Fischer. Die vom NIK mit Unterstützung zahlreicher Einrichtungen, Vereine und Ehrenamtlicher organisierte Veranstaltung zählt damit zu den größten landesweiten Kulturaktionen. Zahlreiche weitere Orte öffnen ihre Tore – von technischen Denkmalen bis zu Industrieanlagen, einige sind nur an diesem Tag für die Öffentlichkeit begehbar oder werden mit speziell für diese Aktion konzipierten Programmen und Führungen erlebbar gemacht.
Speicher am Elbhafen Wittenberg („Kornhaus“)
Der Getreidespeicher in der Dessauer Straße in Wittenberg entstand im Zuge des nationalsozialistischen Vierjahresplans und wurde 1942 in Betrieb genommen. Der Bau diente der strategischen Lebensmittelversorgung und unterlag strenger Geheimhaltung. Hinweise auf die Technik verweisen auf die Firma J. A. Topf & Söhne. Nach 1945 wurde der Speicher in der DDR als Teil des volkseigenen Erfassungs- und Aufkaufwesens weiter genutzt. Seine Geschichte ist heute nur fragmentarisch überliefert und konnte vor allem durch private Quellen rekonstruiert werden. Zum TIK öffnet der Kornspeicher Wittenberg seine Türen für eine Begehung, Start ist um 10 Uhr, maximale Teilnehmerzahl: 10 Personen. Anmeldung erwünscht: info@ferropolis.de.
Die Werkssiedlung in Wittenberg-Piesteritz (siehe Foto) zeigt, dass die industrielle Revolution neben vielen technischen Innovationen auch sozialreformerisch geprägte neue städtebauliche Modelle hervorbrachte. Architekten zählen Piesteritz zu den schönsten Werkssiedlungen in Deutschland. Die Siedlung ist öffentlich zugänglich. Zum TIK wird eine Führung durch die Piesteritzer Werkssiedlung angeboten, Treffpunkt ist um 11 Uhr am Karl-Liebknecht-Platz 20, um Anmeldung unter Tel.: 03491/49 86 10 oder per Mail an: info@lutherstadt-wittenberg.de wird gebeten.
Lebensweise, Traditionen und Handwerk vor 100 Jahren können Besucher in der Alten Schmiede August Reinhardt in Gräfenhainichen erleben. Die vielfältige Ausstellung macht lebensnah die verschiedensten Bereiche handwerklicher Geschichte und Gräfenhainicher Historie zu Beginn des letzten Jahrhunderts greifbar. In der historischen Schmiede und den Werkstätten von Schuhmacher, Schneider und Uhrmacher erhalten Gäste anhand der alten Arbeitsgeräte eine Vorstellung vom handwerklichen Geschick der Arbeiter in traditionellen Berufen. Zum TIK hat die Schmiede von 10 bis 16 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet, zudem werden Führungen angeboten und ein kleiner Imbiss (Getränke, Kuchen, Würstchen).
Der Kupferhammer Thießen ist das einzige, erhaltene und funktionsfähige Hammerwerk in Sachsen-Anhalt. Wahrscheinlich vor 1600 an der Rossel errichtet, ist es bis heute ein interessantes technisches Denkmal. Bereits 1958 unter Denkmalschutz gestellt, wurde noch bis 1960 mit dem Hammerwerk gearbeitet und in der Kupferschmiede wurden bis in die 1970er Jahre Badeöfen oder Waschkessel hergestellt. Die Funktion des Hammers ist momentan leider nicht gewährleistet. Zum TIK kann der Standort von 12 bis 19 Uhr besichtigt werden. Um 15 Uhr wird eine Sonderführung angeboten, die Gaststätte ist geöffnet.
Alle Infos, Schauplätze und Öffnungszeiten unter: www.industriekultur-sachsen-anhalt.de. Foto: W. Gorsboth

